Naturkosmetik und Anthroposophie: Weleda kommt mir nicht ins Haus

Weleda wirbt damit, der Welt Gutes zu tun. Doch wer genau hinsieht, findet raus, dass Weleda weder besonders ehrlich noch menschenfreundlich ist.

Ein Kleinkind am Strand wird eingecremt

Eine Kindheit ohne den Geruch von Weleda ist möglich Foto: Antonio Gravante/imago

Meine Kindheit riecht nach Weleda-Produkten. Und was hab ich den Schlehensirup geliebt. Vielleicht auch, weil es bei uns keine Limo gab. Die Sonnencreme roch nach Campingurlaub am Meer. Ich glaube, es war LSF6. Die „grüne Creme“ gibt es heute noch unverändert und sie riecht beruhigend nach Umsorgtwerden.

Als Studentin habe ich mich gefreut, als die Duschgels auf den Markt kamen. Ja, teuer. Aber ich hatte ein gutes Gefühl dabei, mein Geld vermeintlich in eine bessere Welt zu investieren.

Einmal war ich bei der Hautärztin. Sie wies mich darauf hin, dass Calendula Allergien auslösen könne und ätherische Öle im Allgemeinen nicht so gut für die Haut seien. Ich war ungläubig. Ich dachte, sie hat bestimmt keine Ahnung, und ging nie wieder hin. Meine Babys schmierte ich weiterhin überzeugt mit Weleda-Cremes ein.

Ich habe mich sogar mal bei Weleda beworben. Der „ganzheitliche Ansatz“. Die schönen Gärten. Das Gemeinwohl im Blick … Weleda sah schön aus und roch gut. What’s not to like?

Inzwischen kommen mir Weleda-Produkte nicht mehr ins Haus – denn bei genauerer Recherche wurde es unbequem. Weleda ist eine Aktiengesellschaft. Und alle Erwerber_innen von stimmberechtigten Aktien müssen Mitglieder der „Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft“ sein! Zudem spendete Weleda 2019 laut dem Magazin Ecoreporter zwar 2,6 Millionen Euro, davon gingen allerdings 2,2 Millionen an das anthroposophische Goetheanum, dessen Träger wiederum jene „Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft“ ist. Mit jedem Weleda-Produkt, das ich kaufte, gab ich also mein Geld gleich auf mehreren Wegen den Anthroposophen. Und je kritischer ich die Anthroposophie sah, desto weniger wohl fühlte ich mich damit.

Auch historisch sieht es anders aus, als ich dachte: So gab es neben dem KZ Dachau einen „Kräutergarten“, der vom Arbeitskommando „Plantage“ bewirtschaftet wurde und in dem mindestens 800 Menschen ihren Tod fanden. Geleitet wurde er ab 1941 von den langjährigen Weleda-Gärtnern Franz Lippert und Erich Werner, die den Rang von SS-Schützen hatten. Die ehemalige Goetheanum-Gärtnerin Martha Künzel waltete als Zivilangestellte der SS ab 1942 als Leiterin der biologisch-dynamischen Versuchsabteilung. Außerdem testete der Dachauer KZ-Arzt, Massenmörder und ehemalige Waldorfschüler Sigmund Rascher den Weleda-Wind-und-Wetter-Balsam bei Unterkühlungsversuchen an KZ-Häftlingen.

Weleda sagt, sie habe von den Versuchen nichts gewusst. Die benötigten Inhaltsstoffe, die zu Kriegszeiten schwer erhältlich waren, bekam sie jedoch teils direkt aus SS-Beständen. Und Weleda machte laut internen Kalkulationen zwischen 1933 und 1943 gute Geschäfte, durchaus auch mit SS und Wehrmacht. Das Umsatzvolumen stieg um 250 Prozent.

Weder aktuell noch historisch war meine Annahme, dass Weleda ein besonders ehrliches und menschenfreundliches Unternehmen wäre, korrekt. Um meine langjährigen Weleda-Produkte zu ersetzen, beschäftigte ich mich nun zum ersten Mal ernsthaft mit Inhaltsstoffen von Kosmetika – und die Hautärztin damals hatte recht.

Meine Creme kommt nun ohne ätherische Öle aus, meine Zahncreme ist fluoridiert und meine Kinder wachsen ohne den Geruch von Weleda auf. Dafür hatten sie noch nie einen Sonnenbrand, weil chemischer LSF50 rockt.

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